Am 3. Oktober 2000:Erich Müller-Gangloffs in seinem unten wiedergegebenen Zitat enthaltene Vision hat sich vor mittlerweile 10 Jahren erfüllt. An dieses Modell der Aufhebung der Teilung Deutschlands hatte, bevor es dann doch dazu kam, kaum noch jemand geglaubt.Andererseits gab es damals - 1989/90 - durchaus Leute, die andere Modelle der Bewältigung des deutsch-deutschen Gegensatzes für denkbar hielten. Einige von diesen - heute Träger der Regierung - bekommen das von denen, die damals an der Regierung waren, heute vorgeworfen. Keiner von den mit nationalistischen Parolen Angegriffenen wendet diese Angriffe positiv und führt Reflexion in den politischen Diskurs zurück. Diese Form eines subtilen Nationalismus, der Denk- und Reflexionsverbot einschließt, läßt zum 3. Oktober 2000 kaum Feierstimmung aufkommen. Zum 3. Oktober 1990, dem Tag des Anschlusses"Das westdeutsche Wiedervereinigungsdenken war, soweit man überhaupt ohne Beschönigung von einem solchen sprechen darf, von Anfang an beinahe alternativlos auf Anschluß orientiert. Man war so sehr von dem eigenen Staatsmodell fasziniert, daß man es nur für eine Frage der Zeit hielt, wann es sich auch auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs würde expandieren lassen. Man müsse nur erst wieder genügend stark sein, so wurde etwas naiv angenommen, dann werde sich die Anziehungskraft des Bonner Staates als so unwiderstehlich erweisen, daß Moskau eines Tages froh sein werde, das ihm zugefallene Stück Deutschland unter Wahrung seines Gesichtes loszuwerden.Man war sich wahrscheinlich gar nicht bewußt, wie sehr hier primitives militärisches Machtdenken im Spiel war, das nur unter den Voraussetzungen absoluter politischer Bedenkenlosigkeit eine Chance der Realisierung haben konnte. Allerdings schien ein solches Anschußdenken zunächst nicht aussichtslos, zum mindesten nicht im Zeichen der Roll-Back-Devise von John Foster Dulles. Es gab für ein nationalistisches Denken sogar eine versucherische Parallele zur Nachkriegsentwicklung der Weimarer Zeit: die vielen zum Teil sehr schweren Rückschläge im Anschlußbemühen zwischen 1918 und 1938 hatten letztlich nicht verhindern können, daß der Anschluß Österreichs zwanzig Jahre nach Kriegsende doch noch erfolgte. Wobei die Parallele auch insofern bis zum Wortgebrauch ginge, als auch im Falle Österreichs von Wiedervereinigung gesprochen wurde."
(aus: Erich Müller-Gangloff: Mit der Teilung leben. Eine gemeindeutsche
Aufgabe.- München: List, 1965; aus dem Kapitel "Einziges Modell:
Anschluß" auf S. 31 ff)
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