Diskussionsbeitrag zum Thema
WARUM ÖFFENTLICHKEIT?
(mit geringen Kürzungen und unwesentlichen Änderungen vorgetragen auf der Versammlung der Mitglieder der Nat.-Math. Fakultät der Universität Heidelberg am 28.1.1969)


Die Interessen der Industrie, wie sie artikuliert und vertreten werden nicht nur durch die Unternehmerverbände direkt, sondern auch mittelbar und dort noch viel wirksamer durch Gremien wie dem Wissenschaftsrat, dieses Interesse der Industrie richtet sich in steigendem Maß auf die Hochschule, und hier besonders auf die naturwissenschaftlichen Fakultäten. Diese Richtung der Einflußnahme der Industrie trägt dem Rechnung, daß die Naturwissenschaft heute zur Produktivkraft Nr. 1 geworden ist, von deren Leistungsfähigkeit die Wirtschaft auf Gedeih und Verderb abhängig ist. Unmittelbarer Ausdruck dieses Interesses der Industrie nach einem möglichst großen Ausstoß von sog. hochqualifizierten Experten ist der Dahrendorf- oder auch Hochschulgesamtplan, der im März zur Verabschiedung im Stuttgarter Landtag ansteht.

Die Kritik an dem sich derart entwickelnden Verhältnis zwischen Industrie und Hochschule, die Forderung der Linken nach Befreiung der Universität von Fremdbestimmung durch außerwissenschaftliche und nicht demokratischer Kontrollen unterworfener Instanzen wird häufig mißverstanden: Sie wird interpretiert als eine ablehnende Kritik an der Produktivkraft Wissenschaft schlechthin. Zum Beispiel erwähnt Herr Staab in seinem Aufsatz, den er "Zur gesellschafts- und hochschulpolitischen Stellung der Naturwissenschaften" nennt, daß die "extreme Linke" den Naturwissenschaften feindlich gegenübersteht.

Mit dieser Aussage zeigt sich jedoch in erschreckender Deutlichkeit, wieweit sich der Dekan der Nat.-Math. Fakultät mit der Industrie identifiziert, wieweit er die Wissenschaft der Industrie auszuliefern bereit ist; indem er nämlich die Kritik an der Verwertung und Bestimmung wissenschaftlicher Ergebnisse und Forschungsgegenstände durch die Industrie auf die Wissenschaft selbst bezieht, die er zu vertreten meint. - Um es noch einmal zu sagen,: Die Kritik der Linken bezieht sich gerade nicht auf die Produktivkraft selbst, sondern auf die die volle Entfaltung dieser Produktivkraft zum Nutzen der Menschheit hemmenden Produktionsverhältnisse.

Die Produktionsverhältnisse stehen zu den Möglichkeiten der Produktivkraft Wissenschaft im Widerspruch, weil in der kapitalistischen Gesellschaft als Erfolgskriterium für wirtschaftliche Unternehmungen das Profitmaximierungsprinzip dient. Die Auswahl unter verschiedenen Lösungen eines technischen Problems beispielsweise erfolgt in der Weise, daß diejenige Lösung vorgezogen wird, die dem Anspruch der Besitzer an Produktionsmitteln nach Profitmaximierung optimal genügt.

Dies.ist dann oft eine solche Lösung, die hinter den technischen Möglichkeiten der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zurückbleibt.- Absurder- und bezeichnenderweise fallen im Gegensatz dazu technische Rationalität und ökonomische Interessen gerade da zusammen, wo es nicht um die Befriedigung genuin menschlicher Bedürfnisse geht, sondern wo die Produktivkraft Wissenschaft auf destruktive und unproduktive, wie beispielsweise Rüstung und Weltraumforschung, festgelegt.wird. .

Angesichts dieser offensichtlichen Irrationalität in der Verwertung technisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse kann es in keinem Fall das Interesse der Industrie sein, daß der Student sich nicht nur mit seinem Fach im engeren Sinn beschäftigt, sondern auch die Untersuchung der gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen seines Arbeitens miteinbezieht in sein Selbstverständnis von wissenschaftlicher Tätigkeit. Ihn von dem Bewußtwerden der politischen Relevanz seines Tuns abzuhalten, dazu tun das Ihre die Technokraten unter den Professoren der naturwissenschaftlichen Fakultäten. Und noch haben sie einigen Erfolg damit, dessen sie sich auch, durchaus zufrieden darüber, bewußt sind.

Zwei Beispiele dafür:

In einem Artikel "Demonstrierende Physikstudenten?" können die "Physikalischen Blätter" als Fazit aus einer von 21 Dekanen naturwissenschaftlicher Fakultäten beantworteten Umfrage feststellen: "Physiker und andere Naturwissenschaftler (aber auch Ingenieure) haben eine feste Aufgabe und ein klares Arbeitsprogramm, das erfüllt werden muß. Da bleibt nicht viel Zeit für politische Erwägungen, Demonstrationen oder ähnliches."

Zweites Beispiel:
Dekan Staab findet nichts dabei, in einer in Vertretung des Rektors abgegebenen Erklärung als Grund für die Nicht-Schließung der Universität u.a. die Tatsache anzuführen, daß die Studenten der medizinischen und nat.-math. Fakultät nicht in ähnlicher Weise wie die Kommilitonen in den anderen Fakultäten an den Aktionen nach der Verhaftung der Zwölf teilgenommen haben. Die Vision der Landgraf-werde-hart-Politiker: "Die Rädelsführer hinter Gitter, die Studenten in die Seminare" scheint für Staab etwas durchaus zu erstrebend-endgültiges zu sein.

Jedoch, es besteht kein Grund zur Resignation. Die Selbstsicherheit derer, die die Universität als ihr Privateigentum ansehen und die sich allein für die Bestimmung dessen, was Wissenschaft ist, für berechtigt halten, beginnt zu zerfallen. Das zeigte sich am letzten Samstag, als sogar der Rektoratsbeauftragte für Studentenschafts-Angelegenheiten und meines Wissens auch für Disziplinarsachen zuständige Herr Martin bei der Fakultätssitzung anwesend war; um gar nicht davon zu reden, daß man die Sitzung sowohl räumlich als auch zeitlich auf der Flucht vor den Studenten verlegt hatte, von denen man also offensichtlich doch eine immerhin nicht verschwindende Zahl für so bewußt hielt, daß sie ihr Recht selbst noch nach den der Einschüchterung dienenden Polizei-Aktionen der letzten Wochen zu vertreten bereit waren.

Wissenschaft war jedoch noch nicht immer infolge ihres vermeintlich unpolitischen Selbstverständnisses den gerade herrschenden Interessen gefügig. Die mit dem Emanzipationsinteresse der aufsteigenden bürgerlichen Klasse verbundene Wissenschaft führte damals durchaus einen praktisch-politischen Kampf gegen Relikte des vorangegangenen feudalistischen Zeitalters. Die Wissenschaft war damals progressiv insofern, als sie der Festigung der ökonomischen Machtposition des bürgerlichen Kapitalismus Rechnung trug und die noch herrschende spätfeudale Ordnung als irrational denunzierte und zu überwinden half.- Die Wissenschaft hat seitdem jedoch einen Funktionswandel erfahren. Sie ist vom Wegbereiter der bürgerlichen Gesellschaft zum Instrument für deren Konservierung geworden, um nicht zu sagen: heruntergekommen.

Um heute zu einer Gewalt zu werden, die .von erstarrten Herrschaftsverhältnissen befreit, muß die Wissenschaft von Grund auf revolutioniert werden. Das bedeutet zunächst, daß die wissenschaftlichen Produzenten bei ihrem Lehren, Lernen und Forschen den Einbezug der gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Arbeit als untrennbaren Bestandteil einer Wissenschaft, die befreiend sein soll, verstehen. Erst dann wären die Voraussetzungen dafür gegeben, daß Wissenschaft nicht der perfekteren Ausbeutung und Beherrschung der Menschen dient.

Dieses Ziel ist jedoch abstrakt, weil heute noch gar nicht zu erreichen. Ohne dabei das Fernziel aus den Augen zu verlieren, ist zunächst zu fordern, daß alle Bedingungen abgeschafft werden, die die systematische Kritik am gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb verhindern und damit den unterprivilegierten Gruppen die Einsicht in den möglichen befreienden Charakter der Wissenschaft nehmen. Diese unterdrückenden Bedingungen werden manifest in der fehlenden Information und der fehlenden Möglichkeit der Mitbestimmung im Lehr- und Forschungsbetrieb, vor allem für die Assistenten und Studenten. Über die Verwirklichung der Mitbestimmung, ob zunächst Drittelparität oder eine andere Regelung vorzuziehen ist, darüber bedarf es noch einer Diskussion.- Als unverzichtbare Forderung für den Augenblick erscheint mir aber die Öffentlichkeit aller Beschlußgremien der Hochschule. Wobei Öffentlichkeit zu verstehen ist als das grundsätzliche Recht eines jeden Anwesenden, Anträge zu stellen und an der Diskussion gleichberechtigt teilzunehmen. Denn nur dadurch sind die Voraussetzungen dafür gegeben, daß Wissenschaft ihre kritische und damit emanzipatorische Funktion zurückgewinnt.

Heinrich Allers


(Unmittelbar wurde folgendes Material benutzt: 1. "Kritische Technik", von der Basisgruppe Kritische Technik des SDS Darmstadt hergestellte Broschüre; zu erhalten in der Buchhandlung Burckardt, Schiffgasse, in der Nähe der Marstall-Mensa. 2. "Technik und Wissenschaft als 'Ideologie'" von Jürgen Habermas, edition suhrkamp Nr.287)

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