Aus: Gesammelt in Oldenburg : Aspekte der Alltagskultur ; zur Ausstellung im Oldenburger Kunstverein, 8.I.-17.II.1984 / Peter Springer (Hg.).- Oldenburg 1984.- ISBN 3-8142-0087-X. - S. 49-53 (mit leichten orthographischen Korrekturen, die letzten am 5.1.2007)


Wohnen in einer Sammlung / Heinrich Allers

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(in Entwicklung; 5.1.2007; Beschreibung siehe http://www.allegro-c.de/zeug/pragma.htm)

Als für diese Ausstellung des Kunstvereins Sammlungen gesucht wurden, die bestimmte Charakteristiken erfüllen sollten, fühlten wir uns sofort angesprochen: einerseits wurde nicht nach Sammlungen traditioneller Art und hoher künstlerischer Qualität gesucht, die wir in der Tat nicht zu bieten hatten, andererseits hatten wir bereits etwa ein Jahrzehnt lang gesammelt, was uns in die Finger kam, was wir entweder geschenkt oder gratis bekamen oder zumindest als gebrauchte Artikel nur mäßig bezahlen mußten, große Stücke - wie Möbel - bis hin zu kleinsten - wie Lettern, ästhetisch ansprechende und/oder durch ihren Gebrauchswert überzeugende Dinge, vergessene Gegenstände des täglichen Gebrauchs und solche, deren ursprüngliche Verwendung uns bis heute fremd geblieben ist. - Angesichts der Unmöglichkeit, unsere Wohnung als Ensemble, als eine Sammlung mehr an den Ort der Ausstellung zu verpflanzen, soll beschrieben werden, wie versucht worden ist, die Trennung von Wohnung und Sammlung aufzuheben und die Wohnung selbst zu einer einzigen Sammlung vielfältigster Dinge werden zu lassen.

Begonnen hatte es damit, daß ich vor 16 Jahren einer Freundin dabei half, ihre kleine Studentenwohnung mit Mobiliar zu füllen; sie machte mich mit der Einrichtung des Sperrmülls bekannt. Wir fuhren die Straßen eines gehobenen Ansprüchen genügenden Wohnviertels ab, trugen die aus den aufgehäuften "Müll"-Bergen herausgeklaubten uns nützlich und brauchbar erscheinenden Einrichtungsgegenstände zusammen.

Die Entdeckung des Sperrmülls war keine einmal gemachte und dann wieder vergessene Erfahrung, sondern die bei dieser Gelegenheit erwachte Leidenschaft blieb auch später, als frischgebackener Ehemann, bestehen und steckte prompt auch meine Frau an.

Zugegeben, der Stolz und der Erfolg, aus Sperrmüllfunden allein den Hausstand zusammengestellt zu haben, der blieb uns versagt. Der Gründe gibt es mehrere, nicht zuletzt das Fehlen des eigenen in diese Richtung zielenden Ehrgeizes und der sich daraus ergebenden Disziplin und Stetigkeit beim Einhalten der sich bietenden Sperrmülltermine; schließlich weitete sich damals die Möglichkeit aus, sich in Trödlerläden und Flohmärkten mit den Dingen des täglichen Gebrauchs zu versorgen; auch Selbstgebautes trug das Seine dazu bei, daß sich die Wohnung und die Schubladen mehr und mehr füllten.

Leicht vorstellbar ist, daß es nur durch äußerst seltenen Zufall vorkommen konnte, daß die Entdeckung vom Sperrmüll zu dem im Zweiten-Hand-Laden Gefundenen paßte; demzufolge entspricht in der allmählich entstehenden Wohnungseinrichtung im Stil fast nichts dem anderen. Dies, der vollkommene Verzicht auf Geschmack im hergebrachten Sinn, auf Einheitlichkeit im Stil der Ausstattung, im Dekor des Geschirrs oder der Eßbestecke, bildet geradezu die Voraussetzung für die Freude beim Suchen. Läßt man sich nicht die Freiheit, grundverschiedene Dinge in einem Raum zu vereinigen, verschließt man sich derart viele Erfolgserlebnisse beim Suchen außerhalb der normierte Ware anbietenden Einrichtungshäuser, daß entweder doch der Griff zum Konfektionsmöbel stattfindet oder das Verlangen nach dem Besonderen und Phantasievollen nur durch sehr viel tiefere Griffe in den Geldbeutel gestillt werden kann.

Derjenige, der Nehmer im Sperrmüllgeschäft ist, wird recht bald zum Geber. Daß es alle in diesem Bereich angebotenen Dinge gratis gibt, sofern man nur zur rechten Zeit kommt, greift man zu schnell zu und macht sich die Mühe des Transports in die oftmals mehrere Vierecke entfernt liegende Wohnung oder deren Dachboden- oder Kellerspeicher, weitere Überlegungen über die Verwendung des Stücke hintanstellend. Bald allerdings muß Platz gemacht werden für höher eingeschätzte Sperrmüllfunde, und die Entdeckungen, die einen vor wenigen Monaten noch mit Freude erfüllt hatten, werden nun erneut dem nächsten Sperrmüllhaufen überantwortet, wo sie oft nicht lange bleiben, da sich bald der nächste Suchende ihrer annimmt. Es kommt sogar vor, daß Kommoden oder Stühle, die bereits einige Monate ihre nützliche Funktion erfüllt haben, angesichts besseren auf dem Sperrmüll gefundenen Ersatzes diesem wieder zugeführt werden.

Ohne Zweifel läßt wachsende Erfahrung (und auch die Einsicht, daß der verfügbare Platz der Sammelwut Schranken setzen muß) die Ansprüche steigen an das, was man für wert hält, gerettet zu werden vor dem am folgenden Morgen anrückenden und alles unwiederbringlich mit seinem Zerkleinerungswerk zermalmenden Fahrzeug der Müllabfuhr.

Die tägliche Arbeit der mit der Sperrmüllabfuhr betrauten Müllleute erlaubt diesen nicht, mit gleicher Gründlichkeit wie die Freizeit-Müllsucher des Vorabends den Unrat in allen Einzelheiten zu prüfen. Mit ein paar raschen geübten Griffen wird der Sessel in seinen Polsterritzen auf den früheren (im engeren Sinn des Wortes) Besitzern aus den Taschen gefallenen Münzen und sonstige Gegenstände von Wert untersucht, dann verschwindet die Sitzgelegenheit im Schlund des Fahrzeuges, dessen leistungsfähiges Gebiß auch aus dem klobigsten Sofa in Sekundenschnelle Kleinholz zu machen vermag.

Das Bestreben, sich mit Gegenständen aus zweiter Hand einzurichten und damit zu leben, ist nicht notwendig eine bloße Facette mehr einer derzeit umherschwappenden Nostalgie-Welle (von der nicht ein wenig mitgeschwommen zu werden ich nicht in überheblicher Weise bestreiten möchte); bei der hier beschriebenen alternativen Art der Versorgung spielt - bewußt oder unbewußt - die Erhaltung und Nutzung bestehender Ressourcen eine bestimmende Rolle.

Nicht nur das: wer mit der auf frühzeitigen Verschleiß gerichteten heutigen Produktion bereits seine bitteren Erfahrungen gemacht hat, weiß handwerkliche Qualität umsomehr zu schätzen, sobald sie ihm auf dem Sperrmüllhaufen begegnet.

Wie lebt es sich in einer Wohnung, bei deren Ausstattung der aufs Erhalten und Bewahren vorhandener Güter gerichtete Sinn Pate gestanden hat, so wie er sich im Umgang mit dem Sperrmüll entwickelt hat und wie er fortwirkt bei jeder Suche im Abbruchhaus, in dem vor der Altbaurenovierung aufgestellten Container und im An- und Verkauf-Laden?

Schon längst paßt an größeren Stücken nichts mehr in die Wohnung. Dafür ist, was kleine und auf irgendeine Weise noch immer unterzubringende Dinge angeht, die Grenze ihres Fassungsvermögens immer noch nicht erreicht. Hier ist der Ausgangspunkt des Sammelns, nämlich elementare Bedürfnisse nach z. B. Messern und Gabeln zu decken, am weitestgehenden pervertiert, indem das Sammeln jetzt nur noch um seiner selbst willen erfolgt. Das Fortsetzen des Sammelns erzeugt einen wachsenden Überfluß, karikiert auf seine Weise damit die in unserer Wirtschaftswelt betriebene Produktion von immer mehr verschiedenen Gütern, die ebenso überflüssig sind.

Durch Sammeln dessen, was die laufende Produktion von neuen Gütern an den Rand des Verwertungsprozesses, wenn nicht sogar auf den Müll zu drängen versucht, um überhaupt absetzbar zu sein, wird ein Zeichen der Verweigerung und des Protestes gegenüber dieser Form des Wirtschaftens gesetzt; freilich eine Verweigerung, die subjektiv durchaus nicht als Verzicht, sondern als Bereicherung der Wohnumwelt empfunden wird.

Der Verzicht darauf, sich bei der Sammeltätigkeit auf ein oder wenige Objekte zu konzentieren, führt zu einem Konglomerat von Sammlungen, von denen jede einzelne kaum erwähnt zu werden verdiente, weder ihres künstlerischen oder Kuriositätswerts noch einer extrem hohen Zahl von angesammelten Einzelstücken wegen, auch nicht, weil die angesammelten Stücke eines einzelnen Gebrauchsgegenstandes (z. B. einer Zuckerdose) weit davon entfernt sind, eine umfassende und repräsentative Darstellung der wichtigstren vorkommenden Vertreter der Gattung darzustellen.

Wo Sammlungen nicht mehr einen gepflegten und mehr oder weniger abgekapselten Teil der Wohnung ausmachen, sondern diese schlechthin konstituieren, kann man der Wohnung kaum das Attribut "praktisch" zuschreiben, wohl aber kann man ihr nicht absprechen, und hier sei das etwas belastete Wort gestattet, gemütlich zu sein und der vielfältigen sich bietenden Eindrücke wegen anregend und abwechslungsreich.

Reinigen läßt sich die Fülle von teils frei hängenden, teils an die Wand gehefteten und teils in offenen Regalen befindlichen Dingen nicht in dem Maße, wie das ein von Domestos-Sterilität geprägter Sauberkeitsbegriff verlangt (ein Sauberkeitsbegriff, der in seiner Beschränkung auf den häuslichen Bereich von der globalen und ungleich lebensbedrohenderen Vergiftung von Luft, Wasser und Lebensmitteln ablenkt). Mit Staub zu leben muß man bereit sein; dafür hatte die Küche bereits längst Wohnzimmerqualität, als die herrschende Meinung der Möbelhäuser ihren Kunden noch für viele tausend Mark leuchtstoffröhrenbelichtete nahrungsmittelverarbeitende Laboratorien verkaufen wollte.

Photographie
Sperrmüllsuche in Hamburg, ca. 1975

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